»Es wäre ein Trost für unsere schwachen Seelen und unsere Werke, wenn alle Dinge so langsam vergehen würden, wie sie entstehen; aber wie dem so ist, das Wachstum schreitet langsam voran, während der Weg zum Ruin schnell verläuft.« Lucius Anneaus Seneca

Der »Seneca-Effekt« beschreibt viele Phänomene, die langsam anwachsen und schnell wieder zurückgehen. Wie sich zeigt, können Zusammenbrüche in unterschiedlichster Gestalt und überall auftreten. Sie haben die verschiedensten Ursachen und entwickeln sich auf unterschiedliche Weise. Jedoch haben allen Zusammenbrüche bestimmte, gleichbleibende Eigenschaften. Es sind stets kollektive Phänomene, das heißt, sie treten nur in sogenannten komplexen Systemen auf. Komplexe Systeme weisen die Eigenschaft auf, das sie durch viele Verknüpfungen miteinander verbunden sind. Ein Zusammenbruch eines komplexen Systems ist die rasche Neuordnung einer großen Zahl solcher Verknüpfungen. Diese Knoten sind in unserem Fall Menschen und deren Interaktionen mit ihrer Umwelt.

All diese Systeme haben vieles gemeinsam. Ein nichtlineares Verhalten. In einem komplexen System besteht keine einfache Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Vielmehr kann ein komplexes System die Folge einer Störung mehrfach vervielfältigen. Umgekehrt kann die Störung auch so gedämpft  werden, dass das System kaum davon berührt wird. Diese Tatsachen führen dazu, dass Prognosen in komplexen Systemen unmöglich sind. Voraussagen von Experten über die zukünftige Entwicklung eines komplexen Systems sind schlichtweg Fantasterei. Sie sollten darauf keinen Pfifferling geben.

 

Seneca-Klippe

Doch wie kann sich ein Mensch auf den Seneca-Effekt einstellen?

»Das Wachstum schreitet langsam voran, während der Weg zum Ruin schnell verläuft. « Seneca

Tatsächlich ist der Seneca-Effekt die Folge des Versuchs, sich einer Veränderung zu widersetzen, statt sie anzunehmen. Je mehr Widerstand man gegen eine Veränderung leistet, desto mehr schlägt diese Veränderung zurück. Es ist kein Zufall, dass Philosophen häufig dazu raten, sich nicht an materielle Dinge zu klammern, die Teil dieser schwierigen und unbeständigen Welt sind. Das ist durchaus ein guter Rat.

»Das Harte und Starre begleitet den Tod. Das Weiche und Schwache begleitet das Leben.« Laotse

Im Umgang mit einem Kollaps sollten wir uns deshalb an den Rat Epiktets halten: »Wir müssen die Dinge, die in unserer Macht stehen, möglichst gut einrichten, alles andere aber so nehmen, wie es kommt.«

Daraus folgt, dass man die »Seneca-Klippe« abmildern kann, sofern man die Veränderung akzeptiert, statt gegen sie anzugehen. Es bedeutet, dass man niemals versuchen sollte, das System zu etwas zu zwingen, was es nicht tun will.

Jay Forrester: »Jeder ist bemüht, ›das System‹ in die falsche Richtung zu lenken.«

 

Die Politik scheint jeden Versuch aufgegeben zu haben, sich Veränderungen anzupassen. Stattdessen greift sie zu groben, schlagkräftigen Parolen, die eine Rückkehr in die frühere Zeit des Wohlstandes unmöglich machen. Menschen unternehmen oft enorme Anstrengungen, um Beziehungen zusammenzuhalten, die man lieber ausklingen lassen sollte. Auch klammern wir uns hartnäckig an unseren Arbeitsplatz, obwohl wir ihn vielleicht hassen und erkannt haben, dass wir uns einen Neuen suchen sollten.

Ganze Zivilisationen erlebten einen Niedergang und verschwanden, weil sie sich nicht an Veränderungen anpassten, ein Schicksal, das uns ebenfalls blühen könnte, wenn wir nicht lernen, die Veränderungen anzunehmen.

Hallomoin

Dabei darf man nicht vergessen, dass man zwar ein Problem beheben kann, nicht aber eine Veränderung. Veränderungen kann man sich nur anpassen.